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Blank & Jeron: Anmerkungen zum Konservieren von Netzkunst. Seite 2


Allerdings können sie meist fotografiert oder gefilmt werden und dadurch zumindest teilweise authentisch vermittelt werden. Selbst mehrere Screenshots von einer Netzkunstarbeit vermitteln meist wenig, solange nicht das Erscheinungsbild oder Interface des Projekts zentrales Thema der gesamten Arbeit ist.

Aber bleiben wir kurz bei einer zentralen Gemeinsamkeit von Happenings und Netzkunstprojekten: die zeitlich begrenzte oder temporäre “Laufzeit” (runtime). Die Temporalität solcher Arbeiten als Absichtserklärung im Sinne eines bewußten Verzichts auf die Option der Konservierbarkeit von Netzkunst und somit als autonome Entscheidung der Künstler zu verstehen, trifft mit Sicherheit nur einzelne der vorliegenden Positionen. Und dies meist nur als Strategie, um sich einmal mehr in die Analen der Kunstgeschichte einzuschreiben. Es stellt sich also eher die Frage, was von Netzkunstarbeiten einmal übrig bleiben wird.

Mehr als ein dekontextualisierter Haufen von Daten, der langsam aber sicher der Datenfäulnis (bitrot) ausgesetzt ist? Oder lohnt es sich doch, Netzkunst, beziehungsweise vielmehr das, was von ihr übrig bleibt, der Nachwelt zu erhalten? Und vor allem: lohnt es sich, mehr dafür zu tun, als stets neue Linklisten aufzubauen ?

2. These:

Netzkunst ist die Avantgarde der Netzkultur und die ist eine wichtige kulturelle Erscheinungsform an der Schnittstelle zu den sich globalisierenden Wissensgesellschaften.

Der Begriff Netzkunst, bestehend aus den Wörtern “Netz” und “Kunst”, signalisiert eine gewisse Unentschlossenheit, indem er die Frage nahelegt: ist es nun “Netz” oder “Kunst”. Netzkunst war jedoch von Beginn an ein neues Genre. Interessant ist eigentlich, dass der Begriff “Netz” nicht einmal die Technologie, sondern metaphorisch nur eine Handlung bzw. einen Vorgang (das Vernetzen!) nahelegt, auch wenn klar ist, dass erst mit der Entdeckung des Internets Begriffe wie Netz, Netzwerke oder Vernetzung populär geworden sind. Wenn Künstler mit dem Medium Fotografie arbeiten und dies in einem Kunstkontext verorten, spricht man von künstlerischer Fotografie. Aber nicht jedes Foto muss Kunst sein. Genauso kann man aber umgekehrt als Netzaktivist im Internet arbeiten, ohne etwas mit dem Kunstkontext zu tun zu haben. Netzkünstler jedenfalls arbeiten in einem Kunstkontext. Natürlich ist der Kunstkontext nicht auf den “white cube” zu reduzieren. Viel wesentlicher ist, dass es sich beim Kunstkontext um einen speziellen Kommunikationsraum handelt, der immer auch medial vermittelt wie z.B. in Form von Printpublikationen existierte. Klar ist auch, dass im Internet solche Räume gleichermaßen existieren, weil sie von Künstlern gegründet wurden. Dadurch wurde der Kunstkontext erweitert und sicher ist, dass er morgen durch etwas anderes erweitert werden wird. Dass neue Technologien generell und im Speziellen das Internet neue Handlungs-, Kommunikations- und Produktionsweisen, also eine neue Kunstpraxis unterstützen, aber auch erzwingen, ist für diejenigen, die damit experimentieren, ohnehin klar.

Vorsichtig distanzierten Beobachtern fällt es dagegen oft schwer Position zu beziehen. Sie schwanken zwischen generell ablehnenden und euphorischen Haltungen gegenüber der Netzkunst. Diese Dialektik kennen auch diejenigen, die das Internet genauso täglich nutzen und es damit genauso wie den urbanen städtischen Raum zu ihrer “natürlichen Umwelt” zählen.