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Blank & Jeron: Anmerkungen zum Konservieren von Netzkunst. Seite 3


Erst diese extremen Polarisierungen ermöglichten es der Netzkunst, als neues Genre wahrgenommen zu werden. Und genau dadurch ist sie, ob man will oder nicht, automatisch ein Bestandteil der zeitgenössischen Kunst. Man kann davon ausgehen, dass Kunsthistoriker in ein paar Jahren notieren werden, Netzkunst habe zu Beginn der 90er Jahre mit dem Internet das Betriebssystem Kunst zunächst radikal in Frage gestellt und später erweitert.

Netzkunst ist ein Teil der sogenannten Kontextkunst der 90er Jahre und kokettiert mit der Konzeptkunst der 60er Jahre. Die These von der Kontextlosigkeit durch das Internet als Kritik an der Netzkunst, war unserer Meinung nach immer falsch. Das Internet ist ein spezieller Kontext, weil es von Beginn an - wenn auch als immaterieller Raum - für Kommunikation und Diskurse genutzt wurde. Und vor allem: Das Internet verändert den physischen, “lebensweltlichen” Raum. Der “white cube” als Raum physischer Manifestation von Kunst, als Raum der Galerie, als städtische Halle oder Architektur eines Museums spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Aber gerade der Verzicht auf die Präsenz in solchen Räumen und auch der Verzicht auf eingefahrene Vermittlungsstrukturen in Verbindung mit einem Bekenntnis zu Interaktion und Prozessualität war die eigentlich innovative und radikale Botschaft der Künstler, die im Netz arbeiten. Es ging immer darum, die Grenzen von Kunst und Nichtkunst in einer durch Medien dominierten Gesellschaft auf ein neues auszuloten und zu vermitteln. Es ging auch einmal mehr um Ansätze, die nicht länger zwischen sogenannten “künstlerischen und nichtkünstlerischen Medien” unterscheiden.

Im Sinne einer Bindung zwischen unterschiedlichsten künstlerischen Praktiken, verschiedenen Künstlergenerationen und ihrem jeweiligen Verhältnis zum „Publikum” sehen wir die Museen daher in der Pflicht, sich mit Netzkunst genauso professionell auseinanderzusetzen, wie das in anderen Bereichen auch der Fall ist. Ein Engagement in diesem Bereich kann natürlich den Aufbau von Personal nach sich ziehen, das mit entsprechender Medienkompetenz ausgestattet sein muss. Ein anderer Weg, der bereits teilweise beschritten wird, könnte darin bestehen, dass Museen diesen Bereich outsourcen und mit Mediatheken oder Medienkunsteinrichtungen kooperieren.

Es geht also darum, den Prozess des künstlerischen Experimentierens und seiner Resultate so zu erhalten, dass auch Jahre später diese spezielle Form der künstlerischen Produktion kunsthistorisch, kulturwissenschaftlich und mediengeschichtlich nachvollzogen werden kann. Nicht mehr und nicht weniger. Denn es geht hier nicht um ein Randthema, sondern einen offensichtlichen und weitreichenden Paradigmenwechsel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, der seit etwa 10 Jahren vollzogen und von Künstlern zugleich innovativ und kritisch begleitet und gestaltet wird.