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Online-Communities: Blank/Jeron über Konservieren
Blank & Jeron: Anmerkungen zum Konservieren von Netzkust. Seite 5


Diese Tatsache legt unserer Meinung nach nahe, dass Konservatoren und Künstler bestimmte Gerät-, Betriebssystem- und Browserkonstellationen, welche die reine Lauffähigkeit der Arbeit garantieren, sichern und im Idealfall am Netz belassen sollten – zumindest solange TCP/IP als Internetprotokollstandard relevant ist. Dann bestünde immer noch die Möglichkeit, ein kleines lokales Netzwerk zu bauen. Sozusagen ein Nostalgienetz auf TCP/IP-Standard. Hier zeichnen sich auch weitere Möglichkeiten ab, wie der Einsatz von Emulationen, die Soft- und Hardware-Konstellationen komplett emulieren könnten. Allerdings haben auch Emulationen den Nachteil, dass sie als Software auf sich verändernde Betriebssystem- und Hardware-Bedingungen angepasst werden müssen.

Am sinnvollsten und kostengünstigsten wäre es wahrscheinlich, eine Soft-Hardware-Konstellation als reine Hardware zu realisieren, wie es von der Industrie beim Einbau von Computern in Haushaltsgeräten oder Autos bereits der Fall ist.

Die Lauffähigkeit von Netzkunst – diesmal nicht im technischen, sondern sozialen Sinn – ist jedoch durch eine einwandfreie technische Konservierung nicht gewährleistet. Netzkunst lebt häufig von der Beteiligung ihrer Nutzer. Netzkunstarbeiten reagieren darüber hinaus häufig auf Phänomene, die zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr existieren oder so selbstverständlich geworden sind, dass man ihnen als unwesentliches Merkmal keine Bedeutung mehr beimisst, und damit eine Interaktion mit der Arbeit als langweilig oder bedeutungslos ansieht. Der Kontext, in dem die Arbeit angesiedelt ist, ändert sich und damit gegebenenfalls auch die Bedeutung der Arbeit. Das ist zwar in der Malerei nicht anders, aber Netzkunstprojekte beziehen sich häufig auf aktuelle soziale, technische oder kulturelle Bedingungen und Diskurse, die automatisch zum unmittelbaren Bestandteil der Arbeiten werden.

Deshalb muss zusätzlich zum technischen Erhalt einer Arbeit eine Beschreibung angefertigt werden. “Wer Medienkunst anschafft, muss sie deshalb so genau wie möglich beschreiben, damit sie künftigen Generationen möglichst authentisch präsentiert werden kann”. (Johannes Gfeller)

Es sollte also eine Form des exakten Beschreibens gefunden werden, wofür ebenfalls ein Instrumentarium entwickelt werden muss. Diese Beschreibungen müssen das Umfeld der Arbeit, in dem sie vom Künstler angesiedelt wird, berücksichtigen, um sie dann in verschiedene Diskurse zu übersetzen. Dabei geht es natürlich um die Erwähnung der gesellschaftlichen, medialen und anderer Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Kunst produziert wurde und funktioniert:

Folgende Komponenten kommen hierfür zuvorderst in Frage:

1. eine sachliche Beschreibung, die schildert, was passiert, wenn man mit dem Projekt in Berührung kommt und das über einen längeren Zeitraum, weil Besucher der Arbeit Spuren hinterlassen, die zum Bestandteil der Arbeit werden
2. eine sachliche Beschreibung des Backgrounds einer Arbeit
3. Interviews mit Künstlern und Kritikern und anderen Personen aus dem Umfeld der Arbeit
4. Information über Künstler, Einbettung in die entsprechenden Diskurse sowie Aufarbeitung der Kritiken und Rezensionen.

Eine abschliessende begriffliche Anmerkung

Zuletzt möchten wir noch auf zwei Begriffe eingehen, die bei der Konservierung von Netzkunst eine Rolle spielen: Original und Authentizität
Vom Original in der Netzkunst kann nur bei vollständiger Erfüllung der technischen und sozialen Konstellationen die Rede sein, was bei einem, kunsthistorisch lächerlich kurzen, aber im Hinblick auf die Netzkunst extrem langen Zeitraum von fünf Jahren schon schwer werden wird. Es wird also vor allem darum gehen müssen, die Authentizität von Netzkunstarbeiten zu erhalten.
Der Begriff des Originals übersetzt auf die Netzkunst macht nur Sinn für den Zeitraum, in dem ein Projekt im technischen und sozialen Sinn läuft. Daher unser Vorschlag, vom Original nur dann zu sprechen, solange unter derselben URL mit allen Möglichkeiten der Interaktion das Netzkunstprojekt läuft. Das Einfrieren, also das Deaktivieren von Formularen oder anderen Interaktionsoptionen bedeutet auch das Ende der Arbeit. Es markiert den Übergang von der Arbeit zu etwas anderem z.B. einer Spurensammlung der eigentlichen Arbeit.