adonnaM.mp3
I love you
Der Katalog
Franziska Nori: I love you
Massimo Ferronato: Die VX-Szene
Sarah Gordon: Die Neuordnung ethischer Lehrpläne
Alessandro Ludovico: Der Virus, seine Faszination
epidemiC: Action Sharing
epidemiC: AntiMafia
epidemiC: Audience versus sharing
0100101110101101.0rg: Vopos
Jaromil: :(){ :I:& };:
Jutta Steidl: Wenn ( ) Dann ( )
Florian Cramer: Die Sprache, ein Virus?
Csilla Burján: Chronologie der Viren
Humboldt-Universität: Glossar der Virenarten
Fotos der Ausstellung
Was ist ein Computervirus?
viren_links
Der Flyer
Das Plakat
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO
:(){ :|:& };:

Von Jaromil


jaromil@dyne.org


{Vorspiel}

Wenn wir von Software als Kunst sprechen, ist es gut, den gesamten kreativen Prozess zu betrachten, der zu ihrer Konzeption und Realisation, zu Konzeption und Realisation einer neuen Bedienbarkeit auf digitalem Gebiet führt: Wir richten unseren Blick also auf den Quellcode [1], auf die faszinierende Welt der Algebra und der Algorithmen, die in der digitalen Immanenz in vielfältigen Ausdrücken Gestalt annimmt: dicht, umformulierbar und Sinn produzierend.

Der Quellcode, oder besser, die Algorithmen und die Algebra, die von unserer Epoche privilegierten Werkzeuge digitalen Handwerks und Memoiren Tausend Jahre alter mathematischer Theorien [2], haben erst vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert den Punkt erreicht, an dem sie Software bilden: Dieses Werkzeug künstlerischen Schaffens und der Kommunikation, eine Meta-Literatur, die Modalitäten für Verbreitung und (Re)Produktion von Sinn definiert, und die Möglichkeiten der Kommunikation vermehrt. So wie die Software ein Instrument der Meta-Kommunikation darstellt, so repräsentiert die selbe Software ihrerseits eine “parole” (im Sinne Saussures), die ihre Ausführung von einer “langue” ableitet: dem grammatischen und linguistischen Universum des Quellcode.

Unser Versuch, das Phänomen der Software-Viren zu betrachten, erfolgt unter diesen Prämissen: Sie sind gleichzeitig rebellischer politischer Akt, politisches und strukturelles Symptom, Versuch der Erforschung des Netzes in seiner Durchlässigkeit; künstliche Intelligenzen (anders als oft behauptet selten schädlich), die seit jeher das digitale Universum bevölkern.

[1] Unter Quellcode versteht man einen Text aus „Anweisungen“, die in einer einem Rechner verständlichen Sprache ausgedrückt und nach logischen und konditionalen Schemata verkettet sind, und die, wenn sie interpretiert und ausgeführt werden, zu einem Resultat führen. Dieses Resultat variiert anhand der Veränderbarkeit der äußeren Bedingungen, die vom Quellcode berücksichtigt werden und mittels derer wir mit seiner Ausführung in Interaktion stehen. Jede Sprache ist durch eine Grammatik definiert, die von einem Kompilierprogramm interpretiert wird, das seinen semantischen Inhalt (die Anweisungen) verarbeitet und dabei “bytecode” produziert, den der Rechner ausführen kann.
[2] Muhammad Bin Musa al-Khwarizmi war ein Mathematiker, der zwischen 833 und 813 v.Chr. in Bagdad lebte und vor allem durch die Einführung des mathematischen Konzepts des Algorithmus bekannt wurde, der nach ihm benannt ist.


{Digital Bohème}

Durch die Betrachtung des Quellcode als Poesie werden die Viren zur “verfluchten Poesie,” zu Jamben, die gegen jene revoltieren, die das Netz als einen sicheren und bourgeoisen Ort zu verkaufen versuchen. Der digitale Domäne wird durch andere Gewaltbeziehungen und “physische” Gesetze reguliert als die natürliche Domäne: Sie produziert ein navigierbares Chaos – beunruhigend, weil ungewöhnlich und gleichzeitig produktiv; in ihm sind die Viren spontane Kompostion, lyirsch in ihrem Verursachen von Ungenauigkeiten in Maschinen, die “fürs Funktionieren gemacht” sind, und in ihrem Repräsentieren der Rebellion unserer digitalen Diener.

Es könnte so scheinen, als ob allein besondere technische Kenntnisse die Lyrizität, von der hier die Rede ist, bemerkenswert machen, aber dem ist nicht so – I love you versucht unter anderem genau das: Zu oft vernachlässigte Aspekte einer “digitalen Bohème” zu untersuchen, die es geschafft hat, dem Netz, in dem wir uns heute bewegen, einen organischeren Körper zu verleihen, indem sie in seinem Inneren neue Modalitäten des Umschlags von Informationen und eine eigentliche Ästhetik erarbeitet hat, von der die so genannte Net-Art es oft verstanden hat, sich durchdringen zu lassen.

Chaos:
“Die letztmögliche Tat ist die die Erkenntnis selbst betreffende, ein unsichtbares goldenes Band, das uns verbindet: illegales Tanzen in den Gerichtskorridoren. Würde ich dich hier küssen, sie würden es als einen terroristischen Akt bezeichnen – lasst uns also unsere Pistolen mit ins Bett nehmen & die Stadt um Mitternacht wie betrunken feiernde Banditen mit einer krachenden Salve aus dem Schlaf schrecken – ein Vorgeschmack des Chaos.”
Hakim Bey

Jetzt tippe# :(){ :|:& };: auf einem beliebigen UNIXTerminal.

{Netz-Antikörper}

Eine spezielle Art von Viren, die in letzter Zeit verstärkt um sich greift, die Würmer, richtet vor allem über Mail-Programme und Datenserver Schaden an. Die verwundbaren Software-Hersteller sind noch immer mit dem Versuch beschäftigt, die Sicherheit ihrer Produkte zu verbessern, was in unserem Fall Schutz unserer privaten Kommunikation bedeutet. Auf politischer Ebene erleben wir, dass viele Autoren von Viren, Einheiten, die sich im Netz durch profunde Kenntnisse ihrer Bestandteile identifizieren, in ihrer Reaktion genau durch den egoistischen und monopolistischen Ansatz einiger Marktgiganten provoziert werden, die davon träumen, das Netz zu einem virtuellen Marktplatz für das eigene Geschäft zu machen, ohne sein charakteristisches Horizontalitätsprinzip und die Gewohnheiten der Bürger, die in ihm zu Hause sind, zu respektieren. Bis heute gibt es zahllose Versuche zur Einschränkung der Geschwindigkeit, mit der Informationen zirkulieren können, von der Zensur bis zu Restriktionen über das Urheberrecht. [1]

“Seit den ersten Tagen des Personal Computer wurde der Cyberspace als Mittel zur Wiederherstellung verschwindenden öffentlichen Raums angesehen. Lee Felsenstein, einer der Begründer des Personal Computers, setzte sich mit Hilfe dieses neuen Werkzeugs für die Wiederherstellung einer Wissens-Allmende (Felsenstein) ein. Felsenstein und viele seiner PC-Pionier-Kollegen hatten die Vision, dass das Internet einen riesigen öffentlichen Raum bieten könnte, der verschiedene Interessen widerspiegelt und Meinungsfreiheit und Kreativität fördert. Viele Jahre lang war im Internet als einer Zone freier Meinungsäußerung ein facettenreicher Diskurs beliebt und verbreitet, nach dem Motto ”anyone can be a creator.” Doch in der Frühzeit des World Wide Web wurden die öffentlichen Bereiche des Internet mehr und mehr abgeschottet. 1994 warnte der Autor vor dem ”Kolonisierungseffekt,” den kommerzielle Interessen auf den öffentlichen Raum, den das Internet damals darstellte, haben würden (Besser 1994). Und 1995 erörterte er, wie die Kontrolle durch große Unternehmen an die Stelle des Gemeinwohls und der Aspekte der Vielseitigkeit treten würden, die das Internet versprochen hatte. Fast ein Jahrzehnt später erleben wir, wie die Räume im Internet mehr und mehr abgesteckt und eingezäunt und die Handlungen der Menschen mehr und mehr nachverfolgt und aufgezeichnet werden.” Howard Besser

[1] Intellectual Property: the Attack on Public Space in Cyberspace http://www.gseis.ucla.edu/-~howard-/Papers/pwpublic- spaces.html by Howard Besser, Associate Professor an der UCLA School of Education & Information, beschreibt, wie verschiedene Wirtschaftsbranchen das Urheberrecht als Hebel benutzen, um immer weniger Orte im Internet immer weniger öffentlich zu machen.


{Rhizografie}

Ein Virus-Autor ist daran interessiert, die Durchlässigkeit des Netzes zu untersuchen. Ein Geflecht von solchen Dimensionen, wie das Internet sie besitzt, kann in keiner Typographie widergespiegelt werden. Bis heute gab es eine Vielzahl von Versuchen, keiner war jedoch komplett. Seine Ausdehnung lässt sich als ein Weg umreißen: Erforschen Sie die Verzweigungen, folgen Sie deren Verlauf und ihren Verbindungen. Würde man dem Internet ein Kontrastmittel in den Organismus injizieren, um Beschaffenheit und Struktur nachzuvollziehen zu können, dann würde sich als Resultat der typische Verlauf von Blutgefäßen ergeben. Unternehmen wir jetzt eine Anstrengung und betrachten wir die Ursprünge des Forschergeists, so wie wir ihn uns in unserer Geschichte darstellen können, in der Geschichte der bekannten, organischen Welt.


Ich danke dem Team von digitalcraft.org von ganzem Herzen für die Aufmerksamkeit und das Interesse für unsere Arbeit, eine gemeinschaftliche und leidenschaftliche Forschung, zu der beizutragen mir eine Ehre ist.

Und ein besonderer Dank geht an Franziska Nori, Florian Cramer, Andreas Broeckmann, Alessandro Ludovico, Garderobe23/ Kunstfabrik Berlin, Woessel; in Solidarität mit allen, die noch Widerstand leisten.