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Über die Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung
Franziska Nori: adonnaM.mp3 Filesharing - die vers
David Weinberger: Die Intimität von Peer-to-Peer
Massimo Ferronato [epidemic]: Goldene Ohren
Florian Cramer: Peer-to-Peer-Dienste: Entgrenzunge
Luca Lampo [epidemic]: Speichern als ...
Alessandro Ludovico: Peer-to-Peer: Das kollektive,
Zirkeltraining: Bootleg Objekt #1 – ReBraun
Gregor/Jesek/Schröder: Coverbox
J. Chris Montgomery: Präludium, Fuge und Allegro:
Ulrich Sieben: Ein vegetarischer Hund
Luigi Mansani: Legale Strategien
Eine MP3-Chronologie
Fotos der Ausstellung
Die Designarbeiten
I love you
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO

David Weinberger

Die Intimität von Peer-to-Peer

Peer-to-Peer -Netzwerke tragen eine Revolution weiter, die im und durch das Internet begonnen hat - eine Revolution die sich nicht nur auf den Zusammenschluss eines bestimmten Netzwerkes bezieht, sondern den Zusammenschlusses der gesamten Menschheit. Peer-to-Peer wird uns eine ganze Weile lang begleiten - nicht nur, weil es auf guter, sinnvoller Technologie basiert, sondern weil es darüber hinaus noch bessere Poesie ist.

Es gibt im Netz mehr als 500 Millionen User und wahrscheinlich mehr als 20 Billionen Seiten. Kein anderes Datennetzwerk kam je einer solchen Größenordnung auch nur nahe. Es gibt einen einfachen Grund für diese Entwicklung und für die Tatsache, dass das Internet weltweit alle Stamm-User und das, was sie einander mitteilen wollen, zusammenbringen wird: von Anfang an war es dazu prädestiniert, außer Kontrolle zu geraten bzw. zu sein. Anstelle einer zentralen Schaltstelle stelle man sich ein chaotisches Netz von Servern und Endpunkten vor: niemand braucht die Erlaubnis eines „Internet System Administrators“ um sich einen Account einzurichten, eine Seite zu erstellen oder herunterzuladen wonach auch immer einem der Sinn stehen mag. Wir machen es einfach selber. Wäre es nicht so - würden wir etwa Anträge stellen, einen „Antrag auf Schreibrecht“ oder einen „Antrag auf Leserecht“ - das Internet hätte wohl nur einige Zehntausend User und nicht mehr als eine Million Webseiten.

Das Internet ist erfolgreich, weil es so konzipiert wurde, dass es außer Kontrolle geraten musste. Wie zu erwarten, gibt es schon immer Versuche es doch zu kontrollieren: die Schließung von Napster ist der wohl bekannteste Versuch, da er etwa 70 Millionen User betraf, User die sich einander nicht kannten und Musik tauschten. Napster funktionierte durch die Existenz eines zentralen Verzeichnisses, in dem vermerkt wurde wer welche Musikdateien auf seiner Festplatte hatte. Napster war verwundbar weil dieses Verzeichnis zentral war: das Verzeichnis zu schließen hieß Napster überflüssig zu machen. Die USA taten genau dies. Aus Napster wurde schließlich nichts mehr als eine bloße Erinnerung an die Zeit, als Musik noch „kostenlos“ war.

Aber Napster stellte 70 Millionen Usern ein neues Konzept vor: Peer to Peer. Anders als andere Webseiten war es bei Napster nötig, sich eine spezielle Software zu installieren, nicht einfach einen Player etwa für Flashseiten: um Napster zu benutzen musste man eine neue Anwendung starten. Diese Anwendung las die auf Napster.com verzeichneten Musikdateien und bediente gleichzeitig auf Wunsch andere Napster-User mit den Musikdateien, die auf dem eigenen Rechner lagen. Die Verbindung vom eigenen Rechner zu dem des anderen Napster-Users war unmittelbar und lief nicht über Napster.com. Das Napster Netzwerk („Peer-to-Peer Netzwerk“) machte die Festplatten aller User online abrufbar. Vor Napster war es ungleich schwerer, eine Musikdatei (oder auch einen Textparagraphen über genetisch manipulierte Nahrung oder warum Goldfische des Teufelszeug seien) zu tauschen: hierzu musste man erst einmal die Hürde zwischen dem eigenen Rechner (dem „Desktop“) zum Worldwide Web überspringen. Etwas unbequemes wie eine FTP-Anwendung etwa stellte eine Datei vom eigenen Rechner auf einen Webserver. Den Zugang zu diesem Server erhielt man nur durch eine monatliche Zahlung - all dies war den meisten Usern zu aufwendig und zu teuer. Die offensichtliche Konsequenz war, dass besagte Hürde (zu) groß und unüberwindbar erschien.

Napster schlug diese Brücke. Mit einem Male konnte jeder beliebige Inhalt, der in einem entsprechenden Ordner lag, von jedem User heruntergeladen werden - genau wie man selbst die Verzeichnisse anderer Napster-User einsehen und kopieren konnte. Hatte das Internet die Welt der Online-User begehbar gemacht, so trug die Peer-to-Peer Architektur von Napster zu ihrer Intimisierung bei.

So bemerkte man, dass die bis dahin bestandene Kluft zwischen Rechner und Netz künstlich und überbrückbar sei. Peer-to-Peer half, sie zu überbrücken. Aber warum sollte man nur Musik austauschen? Warum keine Fotos, Filme, Animationen? Warum keine Geschäftsdaten, Poesie und Pornographie? Warum sollte man nicht mehr tun als nur Dateien zu tauschen? Peer-to-Peer hat das Potential, jede beliebige Gruppe von Menschen zu verbinden und sie das tun zu lassen, wonach ihnen der Sinn steht.

Im Gegensatz zu dem großen Versprechen und den Erwartungen, die am Anfang von Peer-to-Peer standen, ist dessen größtes Werk eine mittlerweile ausgestorbene Anwendung, nämlich Napster. Peer-to-Peer-basierte Anwendungen funktionieren kollaborativ: Kollegen tauschen Geschäftsdaten, Projektgruppen koordinieren Projekte. Firmen sollten daher die Idee von vernetzten Peer-to-Peer-Anwendungen lieben - wie kommt es dann, dass die Entwicklung von Anwendungen für diesen Bereich der Branche derart langsam voranschreitet? Es liegt wohl nicht nur an der, zeitlich gesehen, relativen Unausgereiftheit der Technologie (auch wenn das eine Rolle spielen mag), sondern auch an der Tatsache dass Peer-to-Peer -Netze gerade dort Schrecken verbreiten, wo Mauern wichtiger sind als Türen. Die Vorstellung von Mitarbeitern, deren Festplatten sich berühren, erscheint einigen alarmierend, auch wenn jede professionell entwickelte Peer-to-Peer Anwendung sich als erstes darum kümmert, die Reichweite seines Netzes zu beschränken. Nein, diese Abneigung hat wohl mehr mir Psychologie als mit Technologie zu tun. Firmen brauchen eine Veränderung der geistigen Einstellung bevor sie sich auf Business-gerechte Peer-to-Peer-Anwendungen einlassen. Oder vielleicht wartet die Menschheit einfach nur auf die Erfindung der perfekten Businessanwendung.

Schließlich hat Peer-to-Peer mehr zu bieten als Arbeitsgruppen zu vernetzen. Peer-to-Peer kann, grob gesagt, dem Internet helfen, sein Ziel zu erreichen.
Auch wenn 500 Millionen User das Internet zum möglichen Traum einer Massenvermarktung machen, hat es letztendlich doch recht wenig mit Massen zu tun. Das Netz erhält seinen Wert aus den Millionen von Gruppen und Interessengemeinschaften, die sich darüber - über Webseiten, Mailinglisten, Diskussionsrunden, Chatrooms, Kurznachrichten und mehr - organisieren. Es geht im Internet um Gruppen - Menschen mit gemeinsamen Interessen und Leidenschaften, die mit ihren eigenen Stimmen reden, und ohne vorher um Erlaubnis fragen zu müssen.

Dennoch hat das Internet in eben diesem Umgang mit Gruppen nicht gerade einen seiner Vorzüge: das Internet hat keine Konzeption von einer Gruppe als solche (und schon gar nicht von einem Individuum). Wenn ich mir das Internet durch meinen Browser anschaue, finde ich eine schier endlose Masse an Seiten und nicht die Gruppen mit denen ich mich normalerweise befasse. Das Internet macht seine Vorteile nicht offensichtlich.

Und das ist ein Problem, das Peer-to-Peer lösen kann. Peer-to-Peer gestattet es Gruppen jeglicher Couleur in direktem Kontakt zueinander zu stehen. Die Anwendungsebene, auf der sich diejenige Facette des Internets befindet, die die mir wichtigen Gruppen widerspiegelt, wird am wahrscheinlichsten von Peer-to-Peer unterstützt. Sie wird nahtlos in die Erfahrung eingehen, die wir mit dem Internet machen, oder von den Usern abgewiesen werden.
Die Macht von Peer-to-Peer, genau wie die des Internets selber, kommt sowohl aus ihrer Metapher als auch aus ihren technischen Möglichkeiten. Das Internet, Netzwerk aller Netzwerke, sammelt die Kreativität der Menschheit in einem weiten, unkoordinierten Aufgebot an Servern. Peer-to-Peer ist die direkte Verbindung einer Person zu einer Gruppe, die ihren persönlichen Speicherplatz mit einer neuen Art der Intimität teilt.
Wir wissen nicht, was aus Peer-to-Peer erwachsen wird. Fest steht, dass es von allgemeinem Nutzen sein wird. Das entspricht der Kraft der Poesie.