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Über die Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung
Franziska Nori: adonnaM.mp3 Filesharing - die vers
David Weinberger: Die Intimität von Peer-to-Peer
Massimo Ferronato [epidemic]: Goldene Ohren
Florian Cramer: Peer-to-Peer-Dienste: Entgrenzunge
Luca Lampo [epidemic]: Speichern als ...
Alessandro Ludovico: Peer-to-Peer: Das kollektive,
Zirkeltraining: Bootleg Objekt #1 – ReBraun
Gregor/Jesek/Schröder: Coverbox
J. Chris Montgomery: Präludium, Fuge und Allegro:
Ulrich Sieben: Ein vegetarischer Hund
Luigi Mansani: Legale Strategien
Eine MP3-Chronologie
Fotos der Ausstellung
Die Designarbeiten
I love you
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO

Luca Lampo

Speichern als ...

Vor nur dreißig Jahren begann der Einzug der menschlichen Sprache in das digitale Netz. 75% des ARPANET-Verkehrs waren E-Mails. Es war das Kommunikationsmittel einiger weniger tausend Personen; derselben Personen, die die Teile des Systems, das wir Internet nennen, erfunden und konstruiert haben. In jenen simplen E-Mails zeichnete sich damals eine zukünftige Revolution ab. Heute durchzieht die Sprache von Millionen von Menschen das Netz, das sie nach ihren eigenen Vorstellungen und Gutdünken verändern. War das Internet einst Teil der Geschichte der Informatik, ist es heute einfach Geschichte.

An dieser Stelle könnte die dem Menschen ureigene Trägheit folgende Frage aufwerfen: „Entschuldigen Sie, Herr Digital, wo kann ich die letzten 25.000 Jahre der menschlichen Sprache finden?“ Die naheliegende Antwort wäre: „Tut mir leid, aber ich bin gerade erst angekommen ... haben Sie je von staubigen Archiven wie Bibliotheken, Pinakotheken etc. etc. gehört?“

Der Programmbefehl „Speichern als ...“ ist nicht erst mit der Entwicklung des Computers entstanden. Im Mittelalter haben Benediktinermönche zahlreiche antike Schriften archiviert; und fast alle Statuen der Griechischen Antike sind, Jahrhunderte später, von Handwerkern des antiken Roms gerettet worden. Obwohl dieses sonderbar erscheinen mag, wäre es meiner Ansicht nach eine interessante Betrachtungsweise, um das Song-Swapping zu begreifen. In nur drei Jahren hat es allen mit Internet ausgestatteten Personen ein umfangreiches und effizientes Archivierungssystem für Musik zur Verfügung gestellt. Und nicht nur das.

Abgesehen vom Internet, versuchen wir uns einmal andere Faktoren vorzustellen, die die Entstehung und Weiterentwicklung dieses Phänomens ermöglicht und vereinfacht haben.
1) Das Audio-Kompressionsformat MP3 hat einerseits die Qualität des archivierten Klangs garantiert und andererseits seinen Transfer im Netz erleichtert.
2) Die Kompatibilität von Audio-CDs und in Computern vorhandenen CD-ROM- Playern hat die Umwandlung von musikalischen Inhalten erleichtert.
3) Die Systeme der Peer-to-Peer Netze haben Einzelnen gestattet, mit äußerster Leichtigkeit ihre eigenen Musikarchive in die Öffentlichkeit zu bringen.
4) Der Wille von Millionen Individuen, die ohne Gewinn eben dieses vernetzte Archiv durch die Komprimierung von MP3- Inhalten bearbeitet und bereichert haben.

Während die ersten drei Faktoren technologischer Natur sind, ist der vierte als menschliche Einstellung schwer messbar. Dieses Verhalten erschöpft sich nicht in dem Freudens- bzw. Schreckensruf „Musik gratis!“, weil man bei Peer-to-Peer- Systemen schließlich nichts geben muss, um etwas zu bekommen. Es erscheint paradox, aber wenn alle bequemerweise Musik genommen hätten, ohne Musik zu geben, wäre das gesamte System aus Mangel an Inhalten zusammengebrochen und wir würden heute weder von MP3 noch von Peer-to-Peer reden.

Sind die „Swappers“ also eine Art Neu-Benediktiner, gierig nach Überfluss? Ich würde das nicht ausschließen. Häufig hält die Informatik den Datenüberfluss für eine nutzlose Vergeudung von Ressourcen, aber wenn sich tausend Neu-Benediktiner denselben Song teilen, wird er schwerlich verloren gehen. Wäre ich der Musiker, würde ich es ihnen wohl danken.
Die geografische Verbreitung von CD- und Buch-Megastores garantiert keine Auffindbarkeit der Objekte, die wir suchen: ein Produkt, das „ausverkauft“ oder „nicht mehr lieferbar“ ist, verspricht ein langes Umherwandern zwischen Bibliotheken und Gebrauchtwarenläden.
Der Mythos der Geschwindigkeit und Verfügbarkeit von Informationen im Internet kann leicht täuschen: aus der Zeit, in der es noch kein Internet gab, lagern noch Unmengen von Inhalten in den Kellern der Bibliotheken; in Kisten, Schränken und Kühlschränken. Die Kosten und die zu veranschlagende Zeit für die Digitalisierung und die anschließende Veröffentlichung sind enorm.

Dank MP3- Format und Peer-to-Peer-Systemen ist die Musik zum Mittelpunkt einer spontanen kollektiven Archivierung geworden, aber was ist mit den anderen Ausdrucksmitteln? Schrift, Bilder, Bewegungsbildern ... die abschließende Frage lautet: „Kann das Beispiel des Song-Swapping mit seinen Modellen, Methoden und Systemen dabei helfen, die Inhalte der vordigitalen Ära zu archivieren und zu publizieren?“ Ich würde das nicht ausschließen.

Ich habe absichtlich das Wort „Erkenntnis“ vermieden, und willentlich bin ich nicht auf rechtliche Konflikte eingegangen, die das Song-Swapping-Phänomen von Anfang an begleitet haben. Muss das Copyright schon seit einem Jahrhundert Unheil ertragen, erfreut sich die Musik hingegen seit 25.000 Jahren bester Gesundheit.


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